​Der Phönix-Prozess

von Martín E. Hiller

Leseprobe

Viele Menschen lernten ihre künftigen Partner en passant durch gemeinsame Freunde kennen. Ich nicht. Einige trafen sie bei der Arbeit. Ich nie.

In meinem Leben war es die Regel, dass ich mir die Frauen, die ich haben wollte, selbst holen musste. Ich sprach sie bei allen möglichen Veranstaltungen an, die ich besuchte, oder in Geschäften, in denen sie arbeiteten. Gelegentlich auch in Clubs. Im Allgemeinen gefiel es mir, die Dinge selbst in der Hand zu haben, wenn ich mir auch manchmal wünschte, ein nettes Mädchen vorgestellt zu bekommen, ohne dass ich mich anstrengen musste.

Es war ein Donnerstag im März, und ich hielt mich zuhause in Berlin auf, wo ich für einige Tage eine Pause vom Spiel einlegte. König Winter regierte das Land, aber seine Herrschaft neigte sich dem Ende zu. Die frische kühle Luft rief nach draußen.

Ich zog einen leichten Übergangsmantel an und fuhr mit der U-Bahn zum Kurfürstendamm.

Das Laguna Sunrise war ein Café für die kurze Mittagspause, zu der die gestressten Geschäftsleute aus den umliegenden Büros herbeiströmten. Es servierte einen ausgezeichneten Blue Mountain. Meine Mittagspause war traditionell lang und entspannt und folgte einem ausgiebigen Spaziergang über Berlins alte, den Champs Elysées nachempfundene Prachtstraße.

Im Laguna hielt man eine Menge von Selbstbedienung. An der vielversprechend garnierten Theke orderte ich ein Ciabatta mit getrockneten Tomaten auf Chorizo und meinen geliebten Café Latte. Bevor irgendein Genie diese Erfindung gemacht hatte, hätte ich Kaffee in keiner Form heruntergebracht. Ich bewaffnete mich aus dem gut bestückten Zeitungsfach. Dann nahm ich mein Tablett und wandte mich in Richtung Eingangstür, um mir draußen einen Tisch zu suchen, als sie hereinkam.

Zeit bäumte sich gegen ihre immergleiche Richtung und Geschwindigkeit, veränderte ihre Form, bog und wand sich, um schließlich fast, nur fast, anzuhalten. Der brummende Pegel der umliegenden Unterhaltungen wurde zu einem sanften Klangteppich, auf dem eine gläserne Violine sich zu ihrem Solo anschickte. Faltenloses Frühlingslicht schuf der Szene einen milden Rahmen. Es gab keine Gedanken.

Im allerersten Moment war ich lediglich verblüfft. Ich stoppte meinen Gang und stand still, um sie etwas länger betrachten zu können.

Ihr Blick zog mich an, schon bevor er in meine Richtung wies. Sie wirkte stolz, aber nicht hochmütig, mit dem vollen Bewusstsein der Weiblichkeit in sich. In ihren mandelförmigen Augen lag etwas Fragendes. Sie sahen aus, als würde die Neugierde nie ganz aus ihnen weichen. Das betörende Dunkelbraun ihrer Iris ließ sie sanft erscheinen, während das strahlend klare Weiß ringsum ihr einen Ausdruck von Wahrhaftigkeit verlieh. Sie wusste, womit sie sich zufriedengeben würde und womit nicht. Sie würde gern geben, wenn es sich Jemand verdiente. Sie lebte vollends in dem, wonach sie strebte, und in jenem, was sie nicht gestattete.

Sie hielt sich sehr gerade, wie eine Tänzerin, und wie bei einer Tänzerin waren ihre Bewegungen in sanftem, natürlichen Fluss. Ihre Aufmachung erinnerte mich an die Fünfziger Jahre: Ein leichter weißer Kurzmantel, tailliert und zweireihig geknöpft, unter dem ein Paar schlanker Beine in schwarzen Seidenstrümpfen hervorsah, die in schwarzen Pumps endeten, lange hellgraue Flanellhandschuhe mit einem goldfarbenen Armband darüber. Ihr anscheinend sehr langes Haar hatte sie hochgesteckt. Es war tiefschwarz und so frisch und kraftvoll, dass es beinahe bläulich schimmerte.

Sie sah nach Mittelmeer aus, wobei sie ebensogut aus Ägypten hätte stammen können wie aus Italien. Doch der Stolz, dieser wunderbare, ganz eigene Stolz, der zusammen mit einem leisen Hauch von Bronze auf ihrem Gesicht lag, ließ eher auf eine Wüstenblume schließen.

Langsam, fast mechanisch, begann ich, auf sie zuzugehen. Bald fiel ihr Blick auf mich. Ihre Augen schienen bis hinter die Sterne zu blicken und darüber hinaus, wo nichts mehr war und alles seine Bedeutung fand. Es machte mich nervös weiterzugehen, aber stehenbleiben konnte ich auch nicht mehr. Mit jedem Schritt, den ich tat, fielen die Routinen, die ich mir für solche Fälle zurechtgelegt hatte, von mir ab wie eine alte Haut, die nicht mehr passte.

Schließlich stand ich vor ihr und betrachtete sie. Als sie mich bemerkte, wandte sie den Kopf und sah zurück, neugierig, aber ruhig. Ich spürte die Aufregung in mir wachsen. Ohne zu reden nahm ich auf, was für ein Mensch sie war. Sie tat dasselbe mit mir. Ehe wir uns noch kannten, waren wir schon imstande, miteinander zu schweigen.

Schließlich durchtrennte ich die Stille.

„Hey.“ Ich brachte nicht viel mehr als ein Flüstern heraus.

„Hey“, wisperte sie die schönstmögliche Antwort zurück. Für ein paar Sekunden stand sie unschlüssig vor mir, und ich wusste, der Mann, den sie gern haben wollte, hatte hier die Führung zu übernehmen.

Bedeutungslose Phrasen blitzten durch meinen Geist, um sich gleich wieder zu verabschieden. Bei dieser jungen Dame war jeder Spruch unangemessen. So sagte ich einzig das, was ich wirklich sagen wollte. Die Worte flossen herrlich natürlich aus meiner Seele zu ihr hin. Es ging so schnell, dass ich erst hinterher die Zeit fand, über mich selbst erstaunt zu sein.

„Ich heiße Julian. Du bist mir aufgefallen. Machst du mir bitte die Freude, mir beim Kaffee Gesellschaft zu leisten? Ich möchte dich gern kennenlernen.“ Ich fragte es sanft, aber nicht leise, in bestimmtem Ton. Mein Blick ließ sie nirgendwo hin.

Sie öffnete den Mund ganz leicht vor Überraschung, wobei sie mich weiter ansah. Anscheinend hatte sie nicht mit dieser direkten Frage gerechnet. Vielleicht rang sie auch mit ihrer Erziehung, die ihr gebot, sich nicht schnell auf Fremde einzulassen. Ich gab ihr einen Moment. Sie schluckte. Dann erwiderte sie, dass sie das gern täte.

Ich wartete neben ihr, während sie Tee mit frischer Minze bestellte. Ehe ich meine Brieftasche zücken konnte, hatte sie schon ein paar Münzen auf den Tresen gelegt. Dann gingen wir nach draußen und setzten uns an einen der kleinen, weißen Rundtische. Es war nicht kalt. Sie zog ihre Handschuhe aus und entblößte ein paar weiche schlanke Finger, die denselben unverschämt gesunden Hautton trugen wie ihr vor Lebenskraft strotzendes Gesicht. Ihre langen Nägel waren blankpoliert und an den Spitzen auf französische Art leuchtend weiß lackiert.

Ich sah sie an und alles, was nicht dieser Augenblick war, entfiel mir. Sie legte den Kopf sacht zur Seite, wie eine junge Löwin, die die Savanne beobachtete, und erwiderte meinen Blick, aufmerksam, wartend. Ich wollte etwas sagen, die Unterhaltung beginnen, eine lockere Plauderei auf den Weg bringen. Nichts.

Das kam selten vor, dass ich kein Wort herausbrachte. Mir kam nichts in den Sinn, das ich hätte sagen können. Dabei überlegte ich noch nicht einmal, welches Thema ihr am besten gefiele oder welche Art zu reden jetzt angemessen wäre. Ich war schlicht leer. Diser Zustand fühlte sich unangenehm an, und doch genoss ich ihn. Ich sah sie einfach an. Hundert Jahre vergingen.

„Schön, Dich zu sehen“, eröffnete ich ihr dann, als wären wir alte Bekannte. An der Weise, wie sie mich anstrahlte, merkte ich, dass meine Worte aus der Tiefe meines Herzens gekommen sein mussten.

„Gleichfalls“, erwiderte sie mit einem aufrichtigen Lächeln. Ich horchte dem Wort hinterher, bis es völlig verklungen war. Dann lehnte ich mich langsam zurück und schaute sie prüfend an.

„Wer bist Du?“

Sie schaute verblüfft zurück und blies mit leicht gewölbten Backen etwas Luft aus. „Das ist ja eine große Frage. Wie soll ich das beantworten?“

Dass sie mir eine Gegenfrage stellte, hätte mich in Schwung bringen sollen. Bei Sonia oder Julie hätte ich an dieser Stelle bestimmt ein Feuerwerk abgebrannt. Ich hätte ihr mehrere Antwortoptionen angeboten – philosophisch, lustig, romantisch – und leichthin Beispiele für jedes Fach eingeworfen: ,Hey, sag doch einfach, ich bin ein Mensch, von der Erde, und ich liebe Dich, so wie Richard Gere in Atemlos.´ Etwas in der Art.

Doch bei dieser Frau konnte ich das nicht. Auf keinen Fall wollte ich sie und mich von unserem Kennenlernen ablenken, indem ich anfing, irgendwelche alltäglichen Belanglosigkeiten daherzuplappern.

Ich hätte ihr lieber sagen mögen, dass ihre unergründlichen Augen mich an das Meer am frühen Morgen erinnerten, wenn das Wetter noch jung war und das Leben ein Rätsel. Doch ich musste mir das aufsparen für den Tag, an dem ich sicher sein konnte, dass sie es mir glaubte. Somit blieben nicht viele Entgegnungen übrig.

„So, wie Du gern möchtest“, sagte ich schließlich. Sie lächelte. „Zur Not könntest du mit deinem Namen anfangen“, schob ich hinterher, und aus dem Lächeln wurde ein Lachen. Sie war eine Frau, die sich das Mädchenhafte behalten hatte.

„Entschuldigung, das habe ich noch gar nicht gesagt. Ich heiße Talía."

Später versuchte ich oft, mich an den Inhalt dieser, unserer ersten Unterhaltung zu erinnern. Es gelang mir nie. Was ich aber nimmermehr vergaß, war die besondere Atmosphäre, in der sie stattfand. Unser Gespräch floss dahin wie Wasser in einem Gebirgsbach – ein stetes, beglückt gluckerndes Rauschen, das gelegentlich von hellen verspielten Spritzern durchbrochen wurde. Wir waren der Strom des Lebens. Die beständige Wiederkehr allen Seins.

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